Memórias de el Cimarrón

Memórias de el Cimarrón

Neben der Idee des CD-Projekts „El Cimarrón“, wenig bekannte Werke von Hans Werner Henze neu aufzunehmen, steht der Wunsch, das Andenken von Violeta Parra und Víctor Jara zu ehren. Es ist mir ein Anliegen, die engen musikalischen und persönlichen Verbindungen zwischen Violeta Parra, Víctor Jara und Hans Werner Henze aufzuzeigen und in einer musikalischen Zusammenschau vorzustellen. Bei den ausgesuchten Kompositionen handelt es sich mehrheitlich um Stücke, die hierzulande selten aufgeführt werden und kaum oder noch nicht auf CD veröffentlich wurden. Die Komponisten eint die Liebe zu ihrer Kultur, der Wunsch nach Bewahrung ihrer musikalischen Tradition und gleichzeitig der Wille zur gesellschaftspolitischen Veränderung, zur körperlichen und geistigen Befreiung aus alltäglichen und politischen Zwängen. 

CD-Projekt „El Cimarrón“

Hans Werner Henzes Komposition Memorias de „El Cimarrón“ für zwei Gitarren lernte ich vor einigen Jahren durch meinen Professor Jürgen Ruck an der Hochschule für Musik Würzburg kennen. Ich war fasziniert von den unterschiedlichen Spielweisen und Einsätzen der Gitarre in dieser Musik, davon wie Henze die einzelnen Abschnitte musikalisch charakterisiert, von seiner ganz eigenen Tonsprache. Recherchen zu Hans Werner Henze und zu seiner dem Gitarrenstück zugrunde liegenden Komposition „El Cimarrón“ für Tenor, Flöte, Gitarre und Schlagzeug zeigten mir bald auf, wie sich Henzes Interesse für die südamerikanische Musik und Kultur eng verzahnt mit dem Schaffen von drei chilenischen bzw. kubanischen Komponisten des 20. Jahrhunderts: Für Violeta Parra, Víctor Jara und Leo Brouwer bedeutete die Musik nicht ein Besinnen auf die Tradition ihrer Länder, sondern auch Ausdruck von Selbstbestimmtheit und ihrer sozialkritischen Ideale in Zeiten von politischen Krisen und Diktatur, der sie teils zum Opfer fielen. So entstand der Wunsch, Henze, Jara, Parra und Brouwer auf einer CD zusammenzubringen. Der von Henze übernommene Titel „El Cimarrón“ bezeichnete im 19. Jahrhundert in Kuba einen entlaufenen Sklaven und versinnbildlicht Themen wie Unterdrückung, Mut zur Veränderung und das Kämpfen um die persönliche Freiheit – Themen, die sich in den Biographien und Werken der drei Komponisten aus Chile und Kuba wiederfinden.

Henzes Memorias de „El Cimarrón“ soll das zentrale Stück auf meiner CD sein. Als Duo-Partner konnte ich meinen Kommilitonen Josef Mücksch gewinnen. Wir erarbeiten das Werk gemeinsam mit Professor Jürgen Ruck, der ein von Henze selbst hochgeschätzter Interpret von dessen Werken ist und in der Vergangenheit bei Uraufführungen und Werkeinrichtungen mit ihm zusammenarbeitete. Eine weitere Komposition Henzes wird Teil des Albums: Chanson für Chile, das sich direkt auf Victor Jara bezieht. Da es keine Druckausgabe des Werkes von Hans Werner Henze gibt, plane ich einen Forschungsaufenthalt in der Paul-Sacher Stiftung in Basel, um daraus eine möglichst originalgetreue Abschrift und Vorlage für unsere Aufnahme des Werkes zu erstellen.

Zeitgeschichtliche Zusammenhänge: Hans Werner Henze und drei Komponisten in bewegten politischen Zeiten in Kuba und Chile

Folklore für die Volksbildung: Violeta Parra

Violeta Parra als eine begnadete Sängerin, Instrumentalistin und bildende Künstlerin wird bis heute von chilenischen Linken und Liedermachern verehrt. Sie kam 1917 im südlichen Chile zur Welt und trug schon als Kind und Jugendliche mit ihrem Singen und Musizieren zum Unterhalt ihrer großen Familie bei. Durch ihre musizierenden Eltern inspiriert, bewunderte sie die traditionelle chilenische Folklore und wurde zu deren Bewahrerin und Botschafterin in einer Zeit, da in Chile eher kitschige Unterhaltungsmusik gefragt war, die im Widerspruch zur Armut der Arbeiter und Vorstadtbewohner stand. Violeta Parra bereiste die Städte und Dörfer ihres Heimatlandes mit Gitarre und Aufnahmegerät und dokumentierte die authentische Folklore Chiles: Streik- und Liebeslieder, Protestgesänge und religiöse Lieder.

Auf Einladung des Jugendfestivals in Finnland unternahm Parra mit ihren Kindern eine Tournée, die sie durch die UdSSR, Deutschland, Italien und Frankreich führte, wo sie drei Jahre in Paris von Beiträgen für Radio und Fernsehen, Auftritten im Latino-Viertel und Dichterlesungen bei der UNESCO für das Theater der Vereinten Nationen lebte. Sie realisierte eine Serie von Konzerten in Genf und Ausstellungen ihrer eigenen Plastiken. 1964 stellte sie im Pavillon Marsan als erste lateinamerikanische Künstlerin individuelle Objekte aus Sackleinen und Ölgemälde aus. 1965 reiste sie in die Schweiz, wo sie einen Dokumentarfilm über die Bandbreite ihres Schaffens vorlegte. Nach ihrer Rückkehr nach Chile nahm sie an der „Peña de Los Parras“ ihrer Kinder Isabel und Ángel in der Calle Carmen 340 in Santiago teil, wo sie kurz darauf „La Carpa de La Reina“ (Spanisch für „Zelt im Bezirk La Reina“) als Kunstzentrum einweihte. Peña bedeutet Fels, aber auch Stammtisch, und steht in ganz Chile für kulturell-politische Gemeindefeiern, bei denen

häufig Gesangswettbewerbe aller Generationen solo und als Chor, mit und ohne instrumentale Begleitung im Mittelpunkt stehen. Heute gibt es viele Peñas in Chile, Lateinamerika, Nordamerika, Europa und Australien, weil viele Chilenen nach Augusto Pinochets Putsch ins Ausland flohen und dort das Prinzip der Peñas verbreiteten.

1966 reiste Violeta Parra nach Boliven, veranstaltete Konzerte in den südlichen Regionen Chiles und nahm weitere Platten zusammen mit ihren Kindern auf. Sie kehrte nach Santiago zurück, um ihre Arbeit mit „La Carpa de La Reina“ fortzusetzen. Abends trat sie dort auf, sang und begleitete sich dabei auf der Gitarre und servierte ihren Gästen selbst gekochte Gerichte. Dort lernte Victor Jara, ein chilenischer Schauspieler und Theaterregisseur, Violeta Parra und ihr Werk kennen und wurde schnell in ihren Bann gezogen. Violetas Sohn Ángel drückte Jara eine Gitarre in die Hand und ließ ihn Volkslieder seiner Heimat und eigene Kompositionen vortragen.

Violeta Parra beging ein halbes Jahr vor ihrem 50. Geburtstag, am 5. Februar 1967 Suizid, angeblich aufgrund des Scheiterns ihrer leidenschaftlichen, unglücklichen Liebesbeziehung zum Schweizer Musiker und Anthropologen Gilbert Favre und ihrer finanzieller Notlage.
Ein Miniatur-Querschnitt durch Violeta Parras Liederschaffen stellt den dritten Teil meiner CD dar. Dafür habe ich versucht, eine möglichst abwechslungsreiche Auswahl zu treffen, die auch in den Texten der Lieder einen großen Bogen spannt: In La lavandera wäscht eine Frau am Fluss ihre Bettwäsche, die noch Spuren der letzten Liebesnacht trägt, und sehnt sich danach, dass ihr Schmerz sich so auswaschen ließe wie der Schmutz der Wäsche. Es handelt sich um das letzte Lied, dass sie vor ihrem Tod schrieb. El Galiván ist eine Parabel auf Unterdrückung und Ausgeliefertsein: Das Huhn kommt gegen den Sperber so wenig an wie die Frau gegen den Mann – oder auch der Einzelne gegen den übermächtigen Kapitalismus? Der Hymne an das Leben Gracias a la vida steht mit Maldigo del Alto cielo ein starkes Lied gegenbüber, in der die Protagonistin die Welt mit all ihren schönen und schlimmen Seiten bitter verwünscht, weil ihre Liebe nicht erwidert wird.

Der Begründer der Nueva Canción: Víctor Jara

Die Begegnung mit Violeta Parra sollte für Víctor Jaras musikalische Karriere ausschlaggebend werden. Víctor Jara, 1932 in Santiago de Chile geboren, zählt zu den großen Vertretern der „Nueva Canción“ (Neues Lied) in Lateinamerika. Unter diesem Schlagwort war eine große revolutionäre Bewegung in Südamerika gefasst, an der viele Künstler und Gelehrte teilnahmen. Zwei von Jaras Liedern werden Teil der entstehenden CD: Te recuerdo Amanda erzählt von der Erinnerung Víctor Jaras an seine Mutter Amanda. Manifiesto ist eines der Lieder, das der „Nueva Canción“-Bewegung zugeordnet wird. Jara bezieht sich in diesem Text direkt auf Violeta Parra.

Während des von Augusto Pinochet angeführten Putsches gegen Allende wurde Víctor Jara am 12. September 1973 im Hof der Technischen Universität, an der er als Dozent arbeitete, festgenommen; aufgrund der unsicheren Lage während des Putsches hatten er und einige Kollegen die Nacht in den Universitätsräumen verbracht, weil sie es als zu gefährlich angesehen hatten, nach Hause zu gehen. Jara wurde zusammen mit vielen Dozenten und Studenten ins Estadio Chile gebracht. Erst dort wurde er von einem Offizier erkannt und, wie viele seiner Leidensgenossen, gefoltert. Unter diesen Umständen entstand sein letztes Gedicht (bekannt unter der AnfangszeileSomos cinco mil – „Wir sind fünftausend“). Später brachen seine Peiniger Víctor Jara die Hände, damit er nicht mehr Gitarre spielen konnte. Als Reaktion auf die hämische Aufforderung der Soldaten, er solle doch singen, wenn er ein Sänger sei, erhob Víctor Jara noch einmal seine Stimme, um das Lied der Unidad Popular Venceremos „Wir werden siegen“ anzustimmen. Daraufhin wurde er zusammengeschlagen und schließlich mit einem Maschinengewehr getötet. Nach einigen Tagen wurde seine Frau darüber informiert, dass seine Leiche gefunden worden war, woraufhin sie ihr übergeben wurde. Sie verließ bald danach Chile.

Am 31. Mai 1974, im Jahr nach dem Pinochet-Putsch, veranstalteten Bürger mit demokratischen und antifaschistischen Ambitionen ein Gedenkkonzert für Víctor Jara in der Grugahalle Essen. Unter den Künstlern waren Größen wie Ini Illimani, Isabel Parra (dieTochter von Violetta Parra), Quilapayun, Franz Josef Degenhard und der Gitarrist Dieter Süverkrüp.

Fasziniert von der Musik Südamerikas: Hans Werner Henze

Über Víctor Jara und Dieter Süverkrüp schließt sich der Kreis zu Hans Werner Henze: Dieser komponierte für Süverkrüp das Lied Dieser chilenische Sommer oder Chanson für Chile, das sich direkt auf Víctor Jara bezieht, und das auch für dieses CD-Projekt aufgenommen werden soll. Da es keine Druckausgabe dieses Werkes von Henze gibt, plane ich einen Forschungsaufenthalt in der Paul-Sacher Stiftung in Basel, um von dem Autographen eine möglichst originalgetreue Abschrift und Vorlage für unsere Aufnahme zu erstellen. Die Forschungsreise in die Paul-Sacher-Stiftung Basel wurde durch die Forberg-Schneider-Stiftung ermöglicht.

Doch die Beziehungen Henzes zu Lateinamerika sind weitaus vielfältiger. Ausgangspunkt und Schlüsselwerk für dieses CD-Projekt ist Hans Werner Henzes Komposition Memorias de „El Cimarrón“ für zwei Gitarren, die auf Henzes früheres Werk El Cimarrón zurückgeht – ein „Rezital für vier Musiker“, besetzt mit Tenor, Flöte, Gitarre und Schlagzeug. „Cimarrón“ war im 19. Jahrhundert auf Kuba die Bezeichnung für einen entlaufenen Sklaven. Für den Cimarrón in Hans Werner Henzes Werk stand Esteban Montejo Pate. Er wurde 1860 geboren und gab im Alter von 104 Jahren dem kubanischen Ethnologen und Schriftsteller Miguel Barnet ein umfangreiches Interview über sein Leben. Das daraus entstandene Buch Biografía de un cimarrón von Barnet, der auf diese Weise die wissenschaftliche Methode einer neuen Geschichtsschreibung begründete, lieferte für den deutschen Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger die Vorlage zu einem Libretto. Hans Werner Henze lernte den 108-jährigen Esteban Montejo 1969 noch persönlich kennen. Enzensberger hatte dem Komponisten eine Einladung nach Kuba verschafft, sodass Henze im Frühjahr 1969 zum ersten Mal das Land bereiste. Er lernte Miguel Barnet kennen, der ihn verschiedenen kubanischen Künstlern vorstellte.

Am 10. Dezember 1969 brachte Henze die Skizzen für das erste Stück von El Cimarrón auf Papier. Im Februar 1970 schloss er in seinem Haus in Marino bei Rom die Partitur ab und begann dort gemeinsam mit dem kubanischen Gitarristen Leo Brouwer, dem Flötisten Karlheinz Zöller, dem japanischen Schlagzeuger Tsutomu Yamash’ta und dem amerikanischen Sänger William Pearson mit den Proben für die Uraufführung. Aus dem Werk für drei Musikern und Tenor entstand 1995 ein Gitarrenduett mit dem Titel Memorias de „El Cimarrón“. Henze betraute Jürgen Ruck mit der Einrichtung und Uraufführung des Stückes, das sich auch musikalisch auf das Rezital El Cimarrónbezieht. Später lernte ich durch Jürgen Ruck als meinem Professor die Komposition kennen und begann, mich mit ihrer Entstehung und ihrem musikalischen und geschichtlichen Hintergrund auseinanderzusetzen und erste Ideen für dieses CD-Projekt zu entwickeln.